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Cholesterinsenker Statine: Was tun bei Beschwerden?

Ein hoher Cholesterinspiegel zählt zu den größten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Insbesondere hohe Werte des LDL (LDL=Low Density Lipoprotein)-Cholesterins (LDL-C) sind kennzeichnend für dieses Risiko. Statine sind Cholesterinsenker erster Wahl, wenn es darum geht, hohe LDL-C-Werte zu normalisieren und dadurch das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle zu senken – insbesondere bei Menschen, die bereits ein kardiovaskuläres Ereignis hatten (sogenannte Sekundärprävention).

Doch Patienten sind oft unsicher bei der Einnahme, weil Berichte zu Muskelbeschwerden mit Statinen verbreitet sind. „Nehmen Patienten Cholesterinsenker ein und es kommt zu Beschwerden, sollten sie zeitnah mit ihrem Arzt sprechen. Er kann klären, was genau die Ursache der Beschwerden ist. Denn oft sind es gar nicht die Medikamente“, erläutert der Kardiologe und Lipidspezialist Prof. Dr. med. Ulrich Laufs vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. Im aktuellen Herzstiftungs-Podcast der Reihe imPULS unter www.herzstiftung.de/podcast-statine-schmerzen rät er zudem: „Auf keinen Fall sollten Betroffene eigenhändig ihr Statin absetzen oder die Dosierung reduzieren.“

Große Studien (1) haben gezeigt, dass nur ein sehr geringer Teil der Personen, die Statine einnehmen und von solchen Beschwerden berichten, diese tatsächlich nicht oder nicht in einer hohen Dosierung vertragen. „Neun von zehn Personen, die im Rahmen dieser Studien über Muskelbeschwerden berichten, können ein Statin einnehmen. Ihre Beschwerden waren nicht durch Statine verursacht“, so Prof. Laufs, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig.

„Wir nehmen die Beschwerden sehr ernst“ „Wenn ein Patient Beschwerden hat, nehmen wir das natürlich sehr ernst. Die berichteten Beschwerden werden nicht in Frage gestellt“, betont der Leipziger Kardiologe. Die Frage, die es gemeinsam mit Patientinnen und Patienten zu klären gelte, sei jedoch, ob die Statine tatsächlich die Beschwerden verursachen oder ob eine andere Ursache vorliegt. „Muskuloskelettale Beschwerden sind leider sehr häufig. Liegt es tatsächlich am Statin oder handelt es sich vielleicht um altersbedingte Beschwerden im Bewegungsapparat?“, so Prof. Laufs. „Es ist wichtig, sich mit den Patienten die Zeit zu nehmen, um das Problem zu klären, damit nicht die Einnahme der Lipid-senkenden Therapie gefährdet wird.“

Warum sind Statine bei erhöhtem LDL-C so wichtig? Überschüssiges LDL-C im Blut lagert sich in den oberen Schichten der Gefäßwand ein. Ein wesentlicher Mechanismus für das Entstehen einer Gefäßverkalkung (Atherosklerose), der über Jahre hinweg – gemeinsam mit anderen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder Rauchen – zum vollständigen Verschluss oder zum Aufplatzen von Kalkplaques mit nachfolgender Thrombose führt: Herzinfarkt, Schlaganfall oder eine periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) sind die Folge. Allein in Deutschland werden pro Jahr fast 200.000 Herzinfarkt-Patienten stationär in Kliniken versorgt.

Bei Muskelbeschwerden hilft meist Ausweichen auf anderes Statin Wenn es zu Muskelbeschwerden aufgrund eines Statins kommt, sind meist große Muskelgruppen wie Oberschenkel-, Schultergürtel- und Oberarmmuskulatur beidseitig betroffen. Frauen berichten häufiger als Männer von solchen Beschwerden. „Setzt man dann das Statin ab – dies unbedingt in Absprache mit dem Arzt –, dann gehen die Beschwerden in der Regel innerhalb kurzer Zeit zurück“, berichtet der Leiter der Lipid-Ambulanz am Leipziger Uniklinikum. Bei Beschwerden könne man zum Beispiel die medikamentöse cholesterinsenkende Therapie für zwei bis vier Wochen pausieren, um zu prüfen, wie es dem Patienten dann geht. „Eventuell kann man anschließend das Präparat wechseln, zum Beispiel von Simvastatin zu Atorvastatin. Man beginnt zunächst niedrig dosiert und erhöht dann die Dosis“, erklärt Prof. Laufs. Seine Erfahrung zeigt: Ärzte sollten sich stets Zeit nehmen, um Patienten die Bedeutung der cholesterinsenkenden Therapie zu erläutern. „Für die Behandlung der wichtigsten Risikofaktoren von Herzinfarkt und Schlaganfall wie Bluthochdruck, Diabetes und eben hohes LDL-C, brauchen wir langfristig ausgerichtete Therapien. Das verlangt den Patienten auch Vertrauen in die medikamentöse Therapie ab, denn der Erfolg ist ja nicht direkt erkennbar“, so Laufs. „Nur wenn wir mit den Patienten quasi in einem Boot sitzen, ist eine Behandlung erfolgreich“.

Kombinationstherapie als Alternative bei Statin-Unverträglichkeit Reicht die Statin-Dosierung, die ein Patient beschwerdefrei verträgt, für eine cholesterinsenkende Wirkung nicht aus, ist eine Kombinationstherapie möglich. Zum Beispiel kann das Präparat Ezetimib zusätzlich zum Statin gegeben werden, um bei geringerer Statindosis dennoch den LDL-C-Wert ausreichend zu reduzieren. Alternativ zu einem Statin steht als lipidsenkendes Therapeutikum auch Bempedoinsäure zur Verfügung, die ebenfalls mit Ezitimib kombiniert werden kann. Schließlich sind noch die PCSK9-Hemmer eine Option, insbesondere für Patienten, bei denen trotz einer optimalen cholesterinsenkenden Therapie mit Tabletten der LDL-C-Zielwert nicht zu erreichen ist. Infos unter www.herzstiftung.de/cholesterinsenker

Erhöhtes LDL-Cholesterin: Risiko immer individuell abschätzen Prof. Laufs, wie auch andere Kardiologen, betonen, dass für eine Behandlung bei hohen LDL-C-Werten immer die individuelle Person, also auch ihr Gesamtrisiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zu betrachten ist. Ist zum Beispiel nur das LDL-C leicht erhöht? Oder liegen noch zusätzlich Risikofaktoren für Infarkte vor, die ebenfalls ein Handeln erfordern? Bei hohen LDL-C-Werten ist mit Lebensstilmaßnahmen allein nur wenig zu erreichen. Daher muss früher mit einer medikamentösen Therapie gestartet werden. „Wissenschaftlich am besten gesichert sind hierfür Statine“, unterstreicht Laufs. Dennoch sei ein gesunder Lebensstil generell für die Gefäßgesundheit wichtig, um das Infarktrisiko zu verringern. Bei lediglich leicht erhöhten LDL-C-Werten könne das Umstellen der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten reichen, um das kardiovaskuläre Risiko zu senken.

Lebensstil-Anpassung bei erhöhten Triglyzerid-Werten Bei erhöhten Triglyzerid-Werten steht hingegen der Lebensstil an erster Stelle. Wenn das nicht hilft, dann kommen erst Medikamente ins Spiel. Herzexperten und die Deutsche Herzstiftung empfehlen für die tägliche Bewegung 30 bis 45 Minuten Ausdaueraktivitäten wie Radfahren, Laufen, flottes Spazierengehen, Joggen oder Schwimmen. Für eine ausgewogene herzgesunde Ernährung raten manche Herzspezialisten zur Mittelmeerküche. Dieser werden positive Effekte zugeschrieben, die sich aber nicht an einer Senkung des Cholesterin-Spiegels ablesen lassen. Sie ist reich an frischem Gemüse, Obst, Salaten, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Fisch, Nüssen, Kräutern und pflanzlichen Ölen (z.B. Olivenöl), die mehrfach ungesättigte Fettsäuren enthalten. Insgesamt werden zudem nur wenige tierische Produkte genutzt. „Die Prävention durch eine Lebensstil-Anpassung – insbesondere die körperliche Aktivität und das Nicht-Rauchen - sollte in das Gesamtkonzept einer Fettstoffwechsel-Behandlung stets mit eingebunden werden. Arzt und Patienten sollten das gemeinsam besprechen“, rät der Herzstiftungs-Experte. Infos zur Mittelmeerküche, die fettarm und reich an ungesättigten Fettsäuren ist, sind unter https://herzstiftung.de/mediterrane-ernaehrung abrufbar.

Zweitmeinung vor dem Herz-Eingriff: Wann sinnvoll?

Jährlich unterziehen sich hunderttausende Herzpatienten einem Eingriff am Herzen per Herzkatheter (interventionell) oder chirurgisch. Beispielsweise dokumentiert der Deutsche Herzbericht zur Behandlung der koronaren Herzkrankheit (KHK), der Grunderkrankung des Herzinfarkts, für das Jahr 2021 über 36.000 Bypass-Operationen und über 300.000 implantierte Gefäßstützen (Stents). Und für die kathetergeführte Verödung fehlerhafter Erregungsherde (Ablation) zur Behandlung von Vorhofflimmern sind für 2021 rund 103.000 Katheter-Ablationen zu verzeichnen (Deutscher Herzbericht 2022). Betroffene, denen ein vorausplanbarer Eingriff bevorsteht, können eine zweite ärztliche Meinung einholen, wenn sie an der Notwendigkeit eines Eingriffs Zweifel haben. „Bestimmte medizinische Entscheidungen sind eine Sache des Ermessens und Ärzte können ein und dieselbe Situation unterschiedlich beurteilen“, berichtet Prof. Dr. Thomas Meinertz vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung in einem Experten-Beitrag in der aktuellen Ausgabe von HERZ heute. „Ebenso wird den Patienten deutlich, wie häufig ärztliche Entscheidungen nicht übereinstimmen beziehungsweise voneinander abweichen“, so der Hamburger Kardiologe. In seinem Beitrag „Im Zweifel zum Zweiten“ in der Ausgabe 1/2024 von HERZ heute erläutert Meinertz, vor seiner Emeritierung langjähriger Ärztlicher Direktor des Universitären Herzzentrums Hamburg, wann es sinnvoll ist, die zusätzliche Einschätzung eines Arztes einzuholen und gibt wichtige Hinweise, worauf Herzkranke vor ihrem Eingriff achten sollten. Die HERZ heute-Ausgabe kann kostenfrei telefonisch unter 069 955128-400 oder unter www.herzstiftung.de/bestellung bei der Herzstiftung bestellt werden.

Zweitmeinung nur dann, wenn keine Zeitnot besteht Das Einholen einer ärztlichen Zweitmeinung, einer „second opinion“, nimmt seinen Ursprung mit der zunehmenden Spezialisierung und Differenzierung in der Medizin: Wenn für Diagnosen und Therapien mehrere „gleichwertige“ Vorgehensweisen verfügbar sind, ist die zweite Meinung immer häufiger gefragt. Nur dürfe sie auf keinen Fall eingeholt werden, wenn bereits Gefahr in Verzug ist, etwa bei einem akuten Koronarsyndrom oder einem Herzinfarkt. „Der Versuch, in einer derartigen Situation eine zweite Meinung einzufordern und auf diese Weise unnötig Zeit zu verlieren, kann für den Patienten tödlich enden“, warnt Meinertz. Eine Zweitmeinung sei nur dann von Nutzen, wenn ohne Zeitdruck schwerwiegende medizinische Entscheidungen für einen Patienten zu treffen sind, also etwa vor einer empfohlenen chirurgischen oder interventionellen Therapie.

Bei welchen Herz-Eingriffen ist die Zweitmeinung sinnvoll? Bei Herzpatienten kann das Einholen einer Zweitmeinung bei folgenden Eingriffen sinnvoll sein:

  • Perkutane koronare Intervention (PCI): ein Katheterverfahren, um verengte Herzkranzgefäße zu öffnen, oft wird gleichzeitig ein Stent eingebracht;
  • Bypassoperation: dabei wird chirurgisch eine Umgehung (Bypass) geschaffen, um verengte Blutgefäße zu überbrücken;
  • Operativer Ersatz von kranken Herzklappen;
  • Kathetergestützte elektrophysiologische Herzuntersuchungen und Ablationen (Verödungen) am Herzen;
  • Ersatz kranker Herzklappen mithilfe eines Katheters (interventionelle Klappentherapie, TAVI );
  • Einpflanzen eines Schrittmachers oder Defibrillators, kardiale Resynchronisationstherapie (CRT);
  • Operation angeborener Herzfehler;
  • Herz- oder Lungentransplantation;
  • Operation von Aortenaneurysmen.
Besonders kritisch sieht der Herzspezialist die Entscheidung zwischen operativer und interventioneller Therapie. „Wichtig ist, dass der um die Zweitmeinung Gefragte nicht von vorneherein auf eines der beiden Verfahren festgelegt ist.“ Ebenso entscheidend sei, dass der beratende Arzt dazu bereit ist, von einem operativen oder interventionellen Eingriff gegebenenfalls ganz abzuraten und stattdessen eine „konservative“ Behandlung, etwa mit Medikamenten, zu empfehlen. Im Alltag kaum praktiziert, obschon theoretisch möglich, wird das Einholen einer Zweitmeinung bei einer Herz- oder Lungentransplantation.

Die Kosten für eine ärztliche Zweitmeinung tragen die gesetzlichen Krankenkassen bei den gesetzlich vorgeschriebenen Indikationen. Darunter fallen im kardiologischen/herzchirurgischen Bereich die kathetergestützte elektrophysiologische Herzuntersuchung (EPU) und die Katheter-Ablation am Herzen, die Implantation von Schrittmacher, Defibrillator und CRT sowie ab Oktober 2024 die Operation von Aortenaneurysmen. Manche gesetzlichen Kassen bieten ihren Versicherten ein Zweitmeinungsangebot, das über die gesetzlich vorgeschriebenen Indikationen hinausgeht. Hierfür ist eine gezielte Nachfrage bei der eigenen Krankenkasse sinnvoll. Infos zur Richtlinie de Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA): www.g-ba.de/richtlinien/107/

Häufig wird nach dem besten Zentrum für einen Eingriff gefragt Bei der Empfehlung zur operativen oder interventionellen Therapie wird häufig auch danach gefragt, wo diese Therapie am besten erfolgen sollte. „Abgesehen von seltenen Fällen ist es schwierig, einzelne Zentren für eine medizinische Maßnahme zu empfehlen. Vielmehr sollten dem Anfragenden mehrere Zentren genannt werden, in denen eine empfohlene Therapie gut erfolgen kann“, rät Meinertz. „Selbstverständlich wird der beratende Arzt dabei seine eigenen Erfahrungen einbeziehen.“ Herzpatienten finden auf der Herzstiftungs-Homepage unter https://herzstiftung.de/arztsuche hilfreiche Links zu externen Stellen wie z. B. Kliniken mit Zertifizierungen für bestimmte medizinische Therapien oder Fachabteilungen über die Websites der Fachgesellschaften für Kardiologie (DGK) und Kinderkardiologie/Angeborene Herzfehler (DGPK) oder für Herzchirurgie (DGTHG). Für Menschen mit angeborenem Herzfehler ist der Online-Suchdienst der Kinderherzstiftung „Dein Herzlotse“ unter https://herzstiftung.de/dein-herzlotse eine Hilfe bei der Arzt- und Kliniksuche.

Woher bekomme ich den richtigen Zweitmeinungsarzt? Die Auswahl des Spezialisten für die Zweitmeinung sollte nach dem Erkundigen durch den Patienten, beispielsweise bei den Krankenkassen oder Ärztekammern, erfolgen. Informationen über das Internet einzuholen, hält Kardiologe Meinertz für problematisch, „da hier positive Selbstdarstellungen eine entscheidende Rolle spielen“. Auch der primär behandelnde Arzt könne eine Empfehlung für einen Zweitmeinungsfachmann aussprechen. Dass der primär behandelnde Arzt dem um die Zweitmeinung angefragten Arzt relevante Befunde überlässt, ist das Recht des Patienten.

Diese No-Gos sind zu beachten Prof. Meinertz stellt in HERZ heute einige Szenarien vor, die Patienten bei einer Zweitmeinung beachten sollten. Hier ist eine Auswahl daraus:

  • Die Gefahr der Voreingenommenheit des Zweitmeinenden besteht, wenn der behandelnde Arzt einen befreundeten Spezialisten anruft, ihn über die Situation seines Patienten informiert und dem um eine zweite Meinung angefragten Arzt diejenige Empfehlung begründet, die er bereits gegenüber seinem Patienten abgegeben hat.
  • Nicht selten rät der primär behandelnde Arzt seinem Patienten davon ab, eine zweite Meinung einzuholen. Bittet der Patient um die Möglichkeit, eine Zweitmeinung einzuholen, sollte der behandelnde Arzt das dem Patienten nicht verweigern. In keinem Fall sollte der primär behandelnde Arzt einem Patienten seine Fürsorge entziehen, wenn dieser gegen seinen Rat eine Zweitmeinung einfordert.
  • In keinem Fall sollte der um die Zweitmeinung Gebetene sich selbst als weiteren Therapeuten anbieten.
Die Basis einer gelingenden Therapie ist das Vertrauen in den behandelnden Arzt. Eine Zweitmeinung kann und sollte im besten Fall dem Patienten eine Hilfe bei der Entscheidungsfindung für die richtige Therapie sein, jedoch ihn nicht zusätzlich verunsichern und das Vertrauen in den Arzt erschüttern. „Was der Patient in jedem Fall vermeiden sollte: Nach der Zweitmeinung noch eine Dritt- oder Viertmeinung einzuholen. Das führt nicht selten zu einer kompletten Verunsicherung des Anfragenden“, so Meinertz. (wi)

04.07.2024 DGA | Quelle: Deutsche Herzstiftung e.V.

Mit Diabetes Typ 1 oder Typ 2 bei hoher Lebensqualität alt werden

In Deutschland sind mehr als zwei Drittel aller Menschen mit Diabetes mellitus über 65 Jahre alt. Unter den etwa 9 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes gehört ein Viertel der Altersgruppe der über 75-Jährigen an und etwa 1 Million ist über 80 Jahre alt. Wie für jüngere Menschen mit der Stoffwechselerkrankung ist für Seniorinnen und Senioren eine stabile Glukoseeinstellung wichtig, um Folgeerkrankungen zu vermeiden und eine hohe Lebensqualität zu erhalten. Daher profitieren auch sie von regelmäßiger Bewegung. Außerdem beugen sie damit Stürzen und Gebrechlichkeit vor. Körperliche Aktivität kann auch die Entstehung beziehungsweise das Fortschreiten von Demenzen verhindern.  Auf dem Diabetes Kongress 2024, der hybrid in Berlin und online stattfindet, diskutieren die Teilnehmenden, wie behandelnde Diabetesteams mehr Bewegung bei älteren Menschen fördern können. Dr. med. Stephan Kress stellte auf der Vorab-Pressekonferenz (online) zum Diabetes Kongress am Dienstag, den 23. April 2024, aktuelle Erkenntnisse dazu vor.

„Was das grundsätzliche Pensum angeht, gelten für Seniorinnen und Senioren dieselben Bewegungsempfehlungen wie für Erwachsene anderer Altersgruppen“, sagt Dr. med. Stephan Kress, Vorsitzender der DDG Arbeitsgemeinschaft „Diabetes, Sport & Bewegung“, und Sektionsleiter der Abteilung für Gastroenterologie und des zertifizierten Diabeteszentrums am Vinzentius-Krankenhaus in Landau in der Pfalz. „Wir raten ihnen, mindestens 150 bis 300 Minuten pro Woche in moderater Intensität oder mindestens 75 bis 150 Minuten in höherer Intensität körperlich aktiv zu sein.“ Bei älteren Erwachsenen führe körperliche Aktivität nicht nur zu einer Verbesserung des Stoffwechsels, sondern erhalte auch Muskelkraft, Knochengesundheit sowie funktionelle und kognitive Fähigkeiten.

Die grundlegende bewegungs- und trainingsinduzierte Anpassungsfähigkeit, also die Trainierbarkeit, bleibt auch im Alter erhalten. „Die Herausforderung für Behandelnde ist die hohe körperliche Heterogenität der Gruppe älterer Menschen ab 65 Jahren: Manche Seniorinnen und Senioren benötigen mit 70 Jahren bereits Pflege und Hilfe im Alltag, während andere mit über 90 noch körperlich fit sind und selbständig leben“, erklärt Stephan Kress. Rein altersabhängige Empfehlungen würden dem nicht gerecht. Bewegungsfördernde Übungsprogramme müssen sich an der individuellen körperlichen Leistungsfähigkeit, Gebrechlichkeit und vorliegenden Erkrankungen orientieren, sagt der Diabetologe: „Bei körperlich aktiven Personen steht ein kombiniertes Ausdauer- und Muskeltraining im Vordergrund. Aber auch die Balance und funktionelle Beweglichkeit sollten trainiert werden.“ Dafür eigne sich besonders Radfahren oder Schwimmen, aber auch Tai Chi, Yoga und Tanzen. Bei bereits gebrechlicheren Seniorinnen und Senioren stünden Kraftübungen mit elastischen Bändern, Dehnübungen und Alltagsaktivitäten wie Gehen, Armbewegungen und Treppensteigen im Vordergrund. Stark bewegungseingeschränkte Menschen im Pflegeheim würden von Sitzgymnastik oder motorisiertem Bettfahrradtraining profitieren. „Aus Sicht der Diabetologie und Altersmedizin ist es sinnvoll, mehr aktivierende Bewegungsangebote für Menschen mit Diabetes in Pflegeeinrichtungen vorzuhalten und zu generieren, da besonders sie häufig unter Bewegungsmangel leiden“, betont Stephan Kress: „Je länger körperliche und geistige Fähigkeiten erhalten bleiben, desto selbstständiger können sich Menschen mit Diabetes Typ 1 oder Typ 2 auch im Alter um ihre Therapie kümmern.“

27.06.2024 DGA | Quelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft e.V.

Mundgesundheit und Demenz

Dank einer verbesserten Prävention haben ältere Menschen heute deutlich länger und mehr eigene Zähne oder hochwertigen Zahnersatz als früher. Menschen mit Pflegebedarf und Demenz haben jedoch im Vergleich eine deutlich schlechtere Mundgesundheit als Menschen ohne Pflegbedarf. Mit einem neuen Informationsblatt klärt die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) über Möglichkeiten auf, trotz einer Demenzerkrankung Zähne und Mundgesundheit länger zu erhalten.

Zahnfleischentzündungen und kariöse Zähne können sehr schmerz­haft sein. Sie sind auch Eintrittspforten für Viren und Bakterien, die über das Blut Krankheitsprozesse wie zum Beispiel Diabetes, Rheuma, Herz-Kreislauferkrankungen oder auch Demenz negativ beeinflussen können. Umgekehrt wirkt sich ein gutes Kauvermögen positiv auf die gesamte Gesundheit aus und beugt sogar der Abnahme von Teilen der Muskultur vor. Deshalb sind eine sorgfältige Mundhygiene und eine gute zahnärztliche Versorgung auch bei Demenz sehr wichtig.

„Menschen mit Demenz können mitunter nicht mehr klar äußern, ob und wenn ja, wo sie Schmerzen im Mund haben“, sagt Dr. Elmar Ludwig, Referent für Alterszahnmedizin und Geriatrische Zahn­medizin der Zahnärzteschaft in Baden-Württemberg und Mitautor des Informationsblattes. „Es gibt aber viele Anzeichen für Probleme mit der Mundgesundheit wie zum Beispiel rissige Lippen, ständiges Zähneknirschen, Mundgeruch oder Unlust auf Essen. Pflegende, sollten zudem den Zustand der Zähne und der Mundhöhle regelmäßig überprüfen und frühzeitig reagieren.“

Martina Wersching-Pfeil, Koordinatorin des Geriatrischen Schwerpunkts am Helios-Klinikum Pforzheim und ebenfalls Mitautorin des Infoblatts, weist auf die Möglichkeiten hin, Menschen mit Demenz möglichst lange bei der selbstständigen Mundhygiene zu unterstützen: „Eine gut zu greifende Zahnbürste, eine sanfte Anleitung und ein Mundspülbecher mit Nasenausschnitt können sehr hilfreich sein. Günstig ist eine weiche oder mittelharte Zahnbürste mit einem kurzen Kopf. Auch Prothesen müssen regelmäßig gereinigt werden. Werden sie nachts nicht im Mund getragen, empfiehlt sich übrigens die trockene Aufbewahrung in einer offenen Dose – das tötet die Bakterien besser ab, als wenn man die Prothese über Nacht in Wasser aufbewahrt.“

Das Informationsblatt enthält weitere Hinweise zum Umgang mit abwehrendem Verhalten bei der Mundpflege, zu besonderen zahnmedizinischen Leistungs­ansprüchen bei Pflegebedürftigkeit und Demenz oder zur Vorbereitung des Zahnarztbesuchs.

Informationsblatt zum Download
Das Informationsblatt 28 „Mundgesundheit und Demenz“ steht auf der Webseite der DAlzG kostenlos zum Download zur Verfügung.



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