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Unterstützung aus der Distanz

Wenn sich Angehörige um entfernt wohnende Pflegebedürftige kümmern, kann dies zu speziellen Herausforderungen führen, wie eine neue Studie des ZQP untermauert: So geben zum Beispiel 75 Prozent der Befragten an, dass es sie belaste, wegen der Entfernung in Notsituationen nicht vor Ort helfen zu können. Nicht wenige fühlen sich darüber hinaus in ihrer Rolle falsch wahrgenommen.

Bei der Versorgung von etwa 4,1 Millionen pflegebedürftigen Menschen in Deutschland spielen Angehörige meist eine wichtige Rolle. Sie sind gesundheitlich besonders belastet, denn Pflegesituationen können lange andauern, körperlich fordernd und emotional aufreibend sein. Eine besondere Situation kann entstehen, wenn beispielsweise pflegebedürftige Eltern und deren erwachsene Kinder voneinander entfernt wohnen – und letztere dann Verantwortung für die Pflege auf Distanz übernehmen. Dies kann mit speziellen Herausforderungen einhergehen, wie eine heute veröffentlichte bundesweite Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) bei 1.007 auf räumliche Distanz Pflegenden ergab.

PD Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP, erklärt: „Unsere Studie zeigt, dass auf räumliche Distanz Pflegende insbesondere in Fragen administrativer Unterstützung eingebunden sind. Sie kümmern sich etwa um Bankangelegenheiten, Korrespondenz mit der Krankenkasse oder die Koordinierung des ambulanten Dienstes. Viele von ihnen sind aber auch direkt vor Ort im Einsatz und begleiten den Arztbesuch, besorgen Medikamente, unterstützen im Haushalt oder helfen bei der Körperpflege. Dafür nehmen nicht wenige von ihnen regelmäßige Anfahrten von über einer Stunde in Kauf.“

Insgesamt äußern im Rahmen der Untersuchung 41 Prozent der Teilnehmenden, dass sie mit ihrer Situation im Pflegekontext eher oder gar nicht zufrieden seien. Stärkere Unzufriedenheit wird unter anderem von denjenigen mit langen Wegezeiten zur pflegebedürftigen Person angegeben. Ab einer solchen von zwei Stunden liegt der Anteil derjenigen, die sich eher oder sehr unzufrieden zeigen, bei 61 Prozent.

Die Befragten berichten von verschiedenen Herausforderungen in Bezug auf ihre allgemeine Situation als Pflegende. So fühlen sich 49 Prozent durch den zeitlichen Aufwand belastet, 38 Prozent der Erwerbstätigen unter ihnen erleben belastende berufliche Einschränkungen und 21 Prozent geben eine Belastung durch den finanziellen Aufwand der Unterstützung an. Von den Befragten, die bereits vor der Corona-Pandemie in der Pflegesituation geholfen haben, sagen 59 Prozent, in der Folge sei dies für sie schwieriger geworden.

In der Studie werden auch Probleme thematisiert, die insbesondere mit Pflege auf räumliche Distanz verbunden sein können. So sagen drei Viertel der Interviewten, es belaste sie, in Notsituationen vor Ort nicht besser helfen zu können. Knapp zwei Drittel empfinden es als beschwerend, wegen der Entfernung zu wenig Einblick in die aktuelle Lage der pflegebedürftigen Person zu haben. Zudem belastet 63 Prozent, aufgrund der Distanz die pflegebedürftige Person insgesamt nicht besser unterstützen zu können. Suhr ergänzt: „Viele auf Distanz Pflegende haben zudem den Eindruck, dass ihr Engagement unterschätzt wird – zum Beispiel von Arbeitgebern, Ärzten, Pflegediensten aber auch in der Familie.“ Dies spiegelt sich ebenfalls in der Befragung: 41 Prozent der Teilnehmenden geben dort an, dass der Umfang ihrer Unterstützung von anderen Personen teilweise nicht richtig wahrgenommen werde, weil sie nicht so oft vor Ort sichtbar seien.

Zudem werden emotional herausfordernde und konfliktfördernde Erfahrungen mit der pflegebedürftigen Person oder mit Dritten gemacht, die ebenfalls mit der spezifischen Distanzsituation in enger Verbindung stehen können. So erklären 38 Prozent, die pflegebedürftige Person gebe ihnen das Gefühl, sie seien zu wenig bei ihr. 27 Prozent empfinden, der oder die Pflegebedürftige gebe ihnen das Gefühl, sie kümmerten sich zu wenig. 17 Prozent geben an, andere vermittelten ihnen das Gefühl, dass sie sich zu wenig in die Pflegesituation einbrächten. 14 Prozent haben den Eindruck, andere unterstellten ihnen, sie würden die Distanz als Ausrede benutzten, um manche Aufgaben im Pflegekontext nicht zu übernehmen.

Darum plädiert Suhr dafür, dass die besondere Situation von auf Distanz Pflegenden in der Öffentlichkeit – insbesondere im Gesundheits- und Sozialwesen – mehr Beachtung findet: „Die informelle Pflege hat verschiedene Facetten. Wer bedürfnisorientiert helfen und bei der Prävention in der Pflege erfolgreich sein will, sollte die unterschiedlichen Herausforderungen pflegender Angehöriger auf dem Schirm haben.“

Zur Methodik:

Das Zentrum für Qualität in der Pflege hat 1.007 Personen ab 40 Jahren zu Art und Umfang der geleisteten Unterstützung, zur Einschätzung der eigenen Pflegesituation und deren Entwicklung in der Corona-Pandemie befragt. Dabei wurden Personen berücksichtigt, die eine pflegebedürftige Person ab 60 Jahren aus ihrem persönlichen Umfeld seit mindestens sechs Monaten in deren Alltag unterstützen. Zu den pflegebedürftigen Personen wurden auch solche gezählt, die noch keinen Pflegegrad nach § 14 SGB XI haben. Dabei war es unerheblich, ob die pflegebedürftige Person in der eigenen Häuslichkeit, dem betreuten Wohnen oder einer Einrichtung der stationären Langzeitpflege lebt.

Als Kriterium für „Distanz“ wurde, wie auch in der Studie „Caregiving in the U.S.“ (NAC & AARP, 2020) und anderen Studien (Franke, 2020), die zeitliche Distanz herangezogen, wobei ab einer einfachen Wegezeit von mindestens 20 Minuten das Kriterium „Pflege auf räumliche Distanz“ als erfüllt gilt.

Als Gegenprobe wurde auch nach der räumlichen Distanz in den folgenden Kategorien gefragt: „25 km bis unter 100 km“, „100 km bis unter 200 km“, „200 km oder mehr“. Hier gaben16 Personen an, „25 km bis unter 100 km“ entfernt zu leben und weniger als 20 Minuten für die einfache Wegstrecke zu benötigen. Diese Personen wurden in der Ergebnisauswertung nicht berücksichtigt.

Die Befragung wurde von 7. bis 23. Februar 2022 durchgeführt. Grundlage für die Befragung ist ein bevölkerungsrepräsentatives, aktiv per Telefon rekrutiertes Online-Panel mit über 100.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern ab 14 Jahren. Bei den für die Befragung verwendeten Antwortskalen handelt es sich überwiegend um vier- und fünfstufige Skalen, ergänzt um die Antwortkategorie „weiß nicht“. Die Skalen wurden vorab nicht validiert, orientieren sich aber an etablierten Skalen (Prüfer et al., 2003). Die Gewichtung der Ergebnisse erfolgte bevölkerungsrepräsentativ nach Geschlecht, Alter und Bildung der befragten Person. Der höchste Gewichtungswert ist 5,10. Die statistische Fehlertoleranz in Bezug auf die Gesamtstichprobe liegt bei +/- 3 Prozentpunkten.

27.09.2022 DGA | Quelle: Zentrum für Qualität in der Pflege

„Demenz – verbunden bleiben“

Unter dem Motto „Demenz – verbunden bleiben“ findet am 21. September wie in jedem Jahr seit 1994 der Welt-Alzheimertag statt. In der gesamten „Woche der Demenz“ werden vom 19. bis zum 25. September bundesweit vielfältige Aktionen organisiert, um auf die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen aufmerksam zu machen.
Als Gesellschaft mit den Schwächsten verbunden bleiben

Menschen brauchen Gemeinschaft und persönliche Begegnung, das wissen wir nicht erst seit der Corona-Pandemie. Auch für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen ist es wichtig, mit anderen verbunden zu bleiben. Doch über die persönliche Ebene hinaus ist es wesentlich, dass die Gesellschaft ihre Verbindung zu den Schwächsten, zu Älteren und gesundheitlich Beeinträchtigten nicht verliert. In den letzten Jahren geraten Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen zunehmend unter Druck. Unterstützung durch Pflege- und Betreuungsdienste, Tages- und Kurzzeitpflegeangebote oder Pflegeheime ist immer schwieriger zu finden.

„Viele betroffene Familien sind jetzt zusätzlich durch die Energiekrise und die überall steigenden Preise in großer Bedrängnis. Nicht nur Eigenanteile fürs Pflegeheim steigen um bis zu 1.000 Euro pro Monat. Auch Pflegedienste legen steigende Kosten auf ihre Kunden um. Bei den Entlastungspaketen der Bundesregierung werden diese Menschen aber weitgehend vergessen“, erklärt Monika Kaus, die Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft. „Auch die seit Jahren versprochene Pflegereform ist immer noch nicht in Angriff genommen. Selbst die im Gesetz festgelegte Dynamisierung des Pflegegeldes wird immer wieder aufgeschoben. Seit der letzten Anpassung 2017 ist die Kaufkraft deutlich gesunken. Die Erhöhung des Pflegegeldes kann aber nur ein erster Schritt sein. Wichtig ist ebenso die Einführung eines Entlastungsbudgets, mit dem die Betroffenen alle zur Verfügung stehenden Mittel bedarfsgerecht nutzen können. Deutschland ist ein Sozialstaat, er ist in der Verantwortung seine pflegebedürftigen Bürger und ihre An- und Zugehörigen nicht zu vergessen!“
Gerade in dieser Zeit - Demenzkranke schützen

Die Auswirkungen des demographischen Wandels auf unsere Gesellschaft sind in allen Bereichen zu spüren: Es fehlen Fachkräfte in den Krankenhäusern und der ambulanten und stationären Pflege. Sie fehlen auch aufgrund von Überlastung, Krankheit und Quarantäneanordnungen. Viele haben in der Pandemie den Beruf gewechselt. Gleichzeitig stellen die Qualitätsprüfungen der Heimaufsichten und des Medizinischen Dienstes einen bürokratischen und personellen Aufwand dar, der an der Realität in der ambulanten und stationären Altenhilfe vorbeigeht.

Nach dem Auslaufen des Pflege-Rettungsschirmes erstatten Kostenträger, also Pflegekassen und Sozialhilfeträger, die rasant gestiegenen Strom- und Gasabschläge in vielen Fällen nicht. Für kleinere Träger in der stationären Altenhilfe kann dies das Aus bedeuten. Auch die Kosten für Klimaanpassung werden die Heime stark belasten. Eine Zentralisierung auf wenige finanzstarke Träger wird aber nicht mit einer Verbesserung der Pflege- und Behandlungsqualität einhergehen.

„Gerade in dieser Zeit gilt es, psychisch kranke alte Menschen zu schützen. In den letzten 15 Jahren hat die klinische Versorgungsforschung gezeigt, welche Erfolge bei guter nichtmedikamentöser Therapie und Pflege sowohl in der ambulanten als auch in der stationären Altenhilfe hinsichtlich Lebensqualität und Alltagsfertigkeiten erzielt werden können. Eine strukturelle Entrechtung, die systemisch qualitative Therapie und Pflege unmöglich macht, darf nicht wieder stattfinden.

In der ambulanten Altenhilfe muss auch für psychisch kranke Ältere und insbesondere Demenzkranke ein Zugang zu einer berufsgruppenübergreifenden, koordinierten und strukturierten Versorgung ermöglicht werden. Wir brauchen aufsuchende, rehabilitativ angelegte multiprofessionelle ambulante Behandlungsmöglichkeiten für psychisch kranke Ältere und Menschen mit Demenz. Dadurch werden sowohl Angehörige als auch die stationäre Altenhilfe und nachfolgend die Kommunen entlastet.

Eine gute Pflege, insbesondere von Demenzkranken in der stationären Altenhilfe, erfordert eine angemessene, gute Personal- und Arbeitssituation sowie strukturelle Anpassungshilfen. Dazu gehört auch eine entsprechende Finanzierung.

Deshalb unterstützt die DGGPP die Forderungen des Deutschen Berufsverbands für Altenpflege e.V., die Lebensrealitäten in der stationären Altenpflege wahrzunehmen. Außerdem muss der Rettungsschirm erhalten bleiben und das Förderprogramm Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen erweitert werden, um die Heime und deren Bewohner:innen strukturell zu unterstützen“, so Prof. Michael Rapp, Berlin, Präsident der Deutschen Alterspsychiater.
Die klinische Forschung beschleunigen

„Wir haben schwierige Zeiten hinter uns, schwierige liegen noch vor uns. Der hohe und oft lange Pflegeaufwand von zurzeit 1,8 Mio Demenzkranken in Deutschland ist mehr denn je eine große Herausforderung für die sozialen Sicherungssysteme. In Kenntnis der Prognosen von mindestens 3 Mio Demenzkranken im Jahr 2050 muss die Entwicklung wirksamer und sicherer Medikamente zur Vorbeugung und Behandlung intensiviert werden, so Frau Prof. Isabella Heuser, Berlin, Vorsitzende der Hirnliga e.V., der Vereinigung der deutschen Alzheimerforscher.

Zwar hat die US Food and Drug Administration (FDA) letztes Jahr in einem beschleunigten Verfahren Aducanumab (Markenname: Aduhelm) zur Behandlung der Alzheimer-Krankheit zugelassen. Diese Entscheidung wurde aber von vielen Experten, auch von der Hirnliga als vorschnell kritisiert, die Wirksamkeit des Medikamentes sei nicht überzeugend. Aus diesem Grund hat die Europäische Arzneimittelbehörde EMA sich auch nicht der FDA angeschlossen, sie hat sich gegen eine europäische Zulassung von Aducanumab entschieden.

Dieses Medikament ist somit nicht der „Game-Changer“, den man sich erhofft hatte. Es gehört zu der Klasse der sogenannten „anti-Amyloid“-Substanzen, die der Ablagerung von schädlichem Amyloid im Gehirn entgegenwirken sollen und so eine Verschlechterung des kognitiven Zustandes von Alzheimer-Kranken verhindern sollen.

Es ist tatsächlich so, wie in vielen Untersuchungen an Patienten mittlerweile bestätigt, dass die Beladung des Gehirns mit Amyloid bei Menschen, die Medikamente wie Aducanumab einnehmen, vermindert wird. Dies führt aber bei Patienten, anders als bei Labormäusen, nicht regelhaft zu einem Stillstand oder gar einer Verbesserung der Gedächtnisleistung und der allgemeinen Kognition. Es müssen noch andere Faktoren und Mechanismen bei der Entstehung der Alzheimer Erkrankung eine Rolle spielen wie z.B. Entzündungen oder Veränderungen im neuronalen Stoffwechsel und der zellulären „Müllbeseitigung“. Es gibt eine Reihe von im Labor entwickelten Hypothesen dazu, die möglichst rasch weiterentwickelt werden sollten, damit sie bald in klinischen Studien überprüft werden können.

„Forschung ist essenziell“, sagt Frau Prof. Heuser, „um den Herausforderungen einer deutlichen Zunahme von Menschen mit Demenz wirkungsvoll zu begegnen“.

Alzheimer-Aufklärung für Kinder

Alzheimer betrifft alle Altersgruppen: Über 1,2 Millionen Menschen leben in Deutschland mit der Alzheimer-Krankheit. Die Erkrankung ist für Patientinnen und Patienten eine Herausforderung, aber genauso auch für Angehörige. In vielen Familien erleben Kinder die Alzheimer-Erkrankung ihrer Großeltern oder eines anderen älteren Familienmitglieds. Gerade für die ganz junge Generation sind die Symptome der Alzheimer-Krankheit oft nur schwer nachzuvollziehen. Die gemeinnützige Alzheimer Forschung Initiative e.V. (AFI) weist vor dem Weltkindertag am 20. September und dem Welt-Alzheimer-Tag am 21. September auf ihr Aufklärungsangebot „AFi-KiDS“ hin, das sich an Kinder ab fünf Jahren richtet. Das Angebot besteht aus dem kostenlosen Kinderbuch „AFi-KiDS wissen mehr – Für Kinder und ihre Eltern“ sowie der Webseite www.AFi-KiDS.de.

Das Kinderbuch „AFi-KiDS wissen mehr“ führt die jungen Leserinnen und Leser alleine oder gemeinsam mit ihren Eltern auf 32 farbenfroh gestalteten Seiten an die Alzheimer-Krankheit heran. Die sprechenden Nervenzellen „Ping“ und „Pong“, die ihre Funktionsweise im Gehirn erklären, gehören genauso dazu wie die AFi-KiDS Katja und Max. In deren Geschichte „Ein anderes Jahr mit Oma Gisela“ geht es darum, wie die Alzheimer-Erkrankung von Oma Gisela auch das Leben von Katja und Max verändert. Mit spannenden „MachMit!“-Aufgaben, wie einem Quiz, Basteltipps oder einem Rezept für „Hirnis“ können die Kinder selbst aktiv werden.

Die Webseite www.AFi-KiDS.de bietet weitere Comic-Geschichten und zahlreiche saisonale Basteltipps, mit denen Kinder etwas über die Alzheimer-Krankheit lernen und ihren Großeltern zugleich eine Freude bereiten können.  

Bestellinformation:
Das Kinderbuch „AFi-KiDS wissen mehr“ kann kostenfrei bestellt werden bei der Alzheimer Forschung Initiative e.V., Kreuzstr. 34, 40210 Düsseldorf; Telefonnummer 0211 - 86 20 66 0; Webseite: www.alzheimer-forschung.de/afi-kids-buch

Weitere Informationen zu den AFi-KiDS: www.AFi-KiDS.de

Weitere Informationen zur Alzheimer-Krankheit: www.alzheimer-forschung.de

Störfeuer nicht nur im Vorhof: Vorhofflimmern kann dem ganzen Herz schaden

Für die Therapie bei Vorhofflimmern ist es wichtig, genau zu verstehen, wie dieses „Störfeuer“ im Herzen – das auch als nicht-tachykardes Vorhofflimmern auftreten kann, d. h. ohne Herzrasen - entsteht und wie es sich auf die Herzfunktion auswirkt. Aktuelle Forschungsdaten werfen ein neues Licht auf die Prozesse, die bei Vorhofflimmern (VHF) das Herz schädigen. Richtete sich bislang der Blick vor allem auf die Vorhöfe, in denen fehlgesteuerte elektrische Erregungswellen das geordnete Zusammenziehen des Herzmuskels stören, so sind nach den neuen Erkenntnissen wohl auch die Herzkammern beeinträchtigt. „Erstaunlicherweise kennt man bisher die Abläufe im Vorhof des Herzens näher. Noch unverstanden sind hingegen die Effekte des Vorhofflimmerns auf die Funktion der Herzkammer, den sogenannten Ventrikel, und damit auf das gesamte Herz“, betont der Arzt und Wissenschaftler Dr. med. Steffen Pabel aus der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. med. Samuel Sossalla vom Universitätsklinikum Regensburg, Klinik für Innere Medizin II. Die Forschungsarbeit von Dr. Pabel „Effects of atrial fibrillation on the human ventricle“ hat diese Effekte nun untersucht und wurde mit dem renommierten Wilhelm P. Winterstein-Preis der Deutschen Herzstiftung ausgezeichnet (Dotation: 10.000 Euro). Die Arbeit ist im renommierten Fachjournal „Circulation Research“ erschienen (1). „Die Erkenntnisse von Dr. Pabel und Team sind für die klinische Forschung von großer Bedeutung, weil sie erstmals die nachteiligen Effekte von Vorhofflimmern auf den menschlichen Ventrikel beschreiben. Seine Untersuchungen tragen dazu bei, die Wirkmechanismen von Therapien zur Wiederherstellung des normalen Herzrhythmus (Sinusrhythmus) erklären zu können, wie wir sie in klinischen Studien gesehen haben“, betont der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Stiftung für Herzforschung, der Herzchirurg Prof. Dr. med. Armin Welz.

Pabels neue Erkenntnisse zu den Krankheitsmechanismen könnten nicht nur bedeutsam für die künftige Behandlung der rund 1,8 Mio. Patienten mit VHF, der häufigsten Herzrhythmusstörung, sein, sondern auch für schätzungsweise vier Millionen Menschen mit Herzschwäche (Herzinsuffizienz). Denn VHF und Herzschwäche treten sehr häufig gemeinsam auf – mit ungünstigen Effekten für den Krankheitsverlauf der Betroffenen. Vorhofflimmern kann zudem langfristig zu einer Herzschwäche führen. Klinische Studien (u.a. CASTLE-AF-Studie und CAMERA-MRI Studie) haben bereits nachgewiesen, dass eine Rhythmustherapie bei Patienten mit Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern die Funktion der linken Herzkammer verbessern und die Sterblichkeit verringern kann. Infos zur Forschungsförderung unter www.herzstiftung.de/forschung-und-foerderung

Gestörter Kalziumhaushalt beeinträchtigt linke Herzkammer Dr. Pabel und sein Team haben von Patienten mit normalem Herzrhythmus (Sinusrhythmus) oder Patienten mit Vorhofflimmern Herzmuskelgewebe aus der linken Herzkammer analysiert. Bei allen Patienten war die Funktion der linken Herzkammer erhalten (Auswurffraktion [EF] bei über 50 %). Die Patienten mit Vorhofflimmern wiesen ein sogenanntes frequenzkontrolliertes Vorhofflimmern auf. Das heißt, bei ihnen war die Herzfrequenz normal, jedoch bestand weiterhin der für Vorhofflimmern typische unregelmäßige Herzschlag. Bei den Untersuchungen zeigten sich keine strukturellen Unterschiede wie Narbengewebe im Herzmuskel (Fibrose) der linken Herzkammer zwischen den Patienten mit Sinusrhythmus und denen mit Vorhofflimmern. „Allerdings haben wir bei den Patienten mit Vorhofflimmern feststellen können, dass in den Herzmuskelzellen, den Kardiomyozyten, der linken Herzkammer der für die Kontraktion des Herzmuskels wichtige Kalziumhaushalt gestört war“, so Pabel. Bei weiteren In-vitro-Versuchen mit Kardiomyozyten konnte Pabel bestätigen, dass auch künstlich erzeugtes Vorhofflimmern den Kalziumhaushalt beeinträchtigte.

Ein geordneter Ein- und Ausstrom von Kalzium (Ca²+) wie auch von Natrium (Na+) und Kalium (K+) in jeder einzelnen Herzmuskelzelle ist wichtig, damit sich der Herzmuskel zusammenzieht und wieder entspannt. Dafür muss zunächst ein sog. Aktionspotenzial aufgebaut werden, das sich dann über das Muskelgewebe ausbreitet. Beim Aktionspotenzial handelt es sich um eine kurzzeitige Änderung des elektrischen Erregungszustands innerhalb einer Muskelzelle, was durch die Verschiebung der verschiedenen Ionen (Ca²+, Na+ und K+) entsteht. Letztlich löst die Erregungswelle im Herzen über eine elektromechanische Kopplung, an der ganz wesentlich Ca²+beteiligt ist, dann die Kontraktion, also einen Herzschlag, aus. „Eine reduzierte systolische Konzentration von Kalziumionen in Herzzellen kann daher mit einer eingeschränkten Kontraktionsfähigkeit des Herzens einhergehen und auf eine Fehlfunktion des Herzens in der Systole, der Kontraktionsphase, hindeuten“, betont Dr. Pabel

Laborversuch bestätigt nachteilige Effekte für die Herzkammer In weiteren Untersuchungen am Labormodell mit humanen Herzmuskelzellen, die von herzgesunden Spendern stammten, konnten Pabel und sein Team am Regensburger Uniklinikum diesen Prozess bestätigen. Dafür hat Pabel die Simulation von Vorhofflimmern im Labor (in vitro) etabliert. „Auch in dieser Simulation zeigten sich reduzierte Ca²+-Transienten in den menschlichen Herzmuskelzellen der linken Herzkammer“, erklärt Pabel. Darüber hinaus zeigten sich bei weiteren Versuchen mit standardisierten, aus Stammzellen hergestellten Herzkammerzellen, dass durch künstlich erzeugtes Vorhofflimmern Prozesse auftreten, wie sie auch bei den ungünstigen Umbauprozessen bei Herzschwäche (Remodelling) bekannt sind, z. B. vermehrt oxidativer Stress im Herzmuskel der linken Herzkammer. Zudem war die Aktivität eines spezifischen Enzyms, die Ca²+/Calmodulin-abhängige Proteinkinase IIδc (CaMKII), die maßgeblich am Fortschreiten der Herzinsuffizienz beteiligt ist, erhöht. Wurde die CaMKII-Aktivität blockiert sowie der oxidative Stress reduziert, konnten die Störung des Ca²+/Na+-Gleichgewichts, die das Vorhofflimmern zuvor auslöste, verhindert werden. „Damit haben wir diese Mechanismen kausal bestätigen können“, erläutert Pabel.

Aus den Daten zieht der Forscher und Winterstein-Preisträger als Fazit: „Unsere Erkenntnisse zu den nachteiligen Effekten des Vorhofflimmerns auf die Herzkammer sollte Ärzte und Wissenschaftlicher dazu anregen, Vorhofflimmern nicht nur als eine Erkrankung des Vorhofs, sondern als eine Erkrankung des gesamten Herzens zu verstehen.“ (Wi/Ne)

13.09.2022 DGA | Quelle: Deutsche Herzstiftung e.V.



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